Junge Pferde anreiten: Warum Vertrauen wichtiger ist als Tempo
Die Arbeit mit jungen Pferden begleitet mich schon seit vielen Jahren. Zum Anreiten bin ich damals gekommen, weil ich in Ställen gearbeitet habe, in denen viele junge Pferde standen. Oft war das die Arbeit, die erfahrenere Reiter nicht mehr übernehmen wollten. Für mich wurde daraus jedoch schnell eine Leidenschaft.
Was mich bis heute an jungen Pferden fasziniert, ist die Möglichkeit, ihnen mit guter Arbeit etwas fürs ganze Leben mitzugeben. Ein sorgfältiges Anreiten schafft das Fundament für die weitere Ausbildung und prägt ein Pferd nachhaltig. Wie viele Pferde ich in meinem Leben bereits angeritten habe, kann ich gar nicht mehr sagen, es waren schlicht sehr viele.
Jedes Pferd braucht seinen eigenen Weg
Wenn ich ein junges Pferd anreite, gibt es zwar einen klaren Plan, aber keine starre Vorgehensweise. Jedes Pferd ist anders und braucht eine individuelle Betreuung.
Am ersten Tag gehe ich mit den meisten Pferden lediglich spazieren, damit sie ihre Umgebung kennenlernen können. Dabei arbeite ich immer an der Longe und nie einfach nur am Strick. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das Pferd bereits genügend Vertrauen zum Menschen aufgebaut hat und sich anfassen lässt.
Danach beginne ich mit der Longenarbeit in einem abgegrenzten Bereich der Reithalle. Schritt für Schritt kommen Longiergurt und später der Sattel dazu. Erst wenn diese Grundlagen sicher sitzen, folgt der nächste Schritt. Nach etwa einer Woche setze ich mich das erste Mal auf das Pferd, zunächst in der Box und später in der Halle.
Für mich ist dabei besonders wichtig, dass alles in der Vorwärtsbewegung geschieht. Pferde sind Fluchttiere. Wenn sie sich bewegen können und Sicherheit erfahren, lernen sie deutlich entspannter.
Vertrauen ist die Grundlage von allem
Vor dem ersten Aufsitzen gibt es für mich einen entscheidenden Punkt: Vertrauen.
Ein junges Pferd darf niemals geschockt oder überfordert werden. Vertrauen und gegenseitiger Respekt bilden die Basis für jede weitere Ausbildung. Ohne diese Grundlage funktioniert das Anreiten nicht.
Oft werde ich gefragt, woran man erkennt, dass ein Pferd bereit für den nächsten Ausbildungsschritt ist. Die Wahrheit ist: Man weiss es nie mit absoluter Sicherheit. Deshalb muss man sein Pferd genau beobachten. Sobald ein Pferd verunsichert wirkt oder überfordert ist, muss man bereit sein, wieder einen Schritt zurückzugehen.
Was ich über die Jahre gelernt habe
Mit der Erfahrung lernt man, Pferde besser zu lesen. Man erkennt schneller, wann ein Pferd Sicherheit braucht, wann es bereit für mehr ist und wann man einen Gang zurückschalten sollte.
Eine Methode, die sich für mich immer wieder bewährt hat, ist das sorgfältige Ablongieren. Es hilft dem Pferd, Vertrauen aufzubauen, seinen Körper kennenzulernen und sich auf neue Aufgaben vorzubereiten.
Grundsätzlich habe ich meine Herangehensweise über die Jahre nicht stark verändert. Ich wurde so ausgebildet und habe mit dieser Methode gute Erfahrungen gemacht. Was ich heute allerdings nicht mehr mache: Pferde möglichst schnell anreiten. Für mich gilt der Grundsatz: Entweder man macht es richtig und gibt dem Pferd die nötige Zeit, oder man lässt es sein.
Ruhe statt Zeitdruck
Wenn mich jemand fragt, was beim Anreiten am besten funktioniert, lautet meine Antwort immer gleich: Zeit und Ruhe.
Alles andere ist von Pferd zu Pferd unterschiedlich. Jedes Tier bringt seinen eigenen Charakter, seine eigenen Stärken und Unsicherheiten mit. Deshalb gibt es kein Schema F.
Weniger sinnvoll finde ich es, wenn Besitzer ohne ausreichende Erfahrung selbst erste Anreitversuche unternehmen. Gerade in dieser sensiblen Ausbildungsphase können Fehler langfristige Auswirkungen haben. Ein junges Pferd verdient eine solide Grundlage und eine Ausbildung, die auf Verständnis, Geduld und Erfahrung basiert.
Mein Fazit
Ein gutes Anreiten ist weit mehr als der Moment, in dem erstmals jemand im Sattel sitzt. Es ist ein Prozess, der mit Vertrauen beginnt und auf Geduld, Respekt und einer klaren Kommunikation aufbaut.
Wer jungen Pferden die nötige Zeit gibt und sie nicht überfordert, schafft die Grundlage für eine erfolgreiche und harmonische Zukunft unter dem Sattel. Genau das ist für mich das Ziel jeder Ausbildung.