„Dein Pferd ist lahm.“

Von Lilian

„Dein Pferd ist lahm.“

Es war einer dieser Anrufe, die jeder Pferdebesitzer fürchtet: „Dein Pferd ist lahm.“

Mehr Informationen gab es zunächst nicht. Nur dieses eine Gefühl, das sich sofort im Magen breitmacht. Die Gedanken rasen. Hat sie sich vertreten? Ist es ein Hufabszess? Ein Tritt auf der Weide? Als ich am Stall ankam, wurde mir schnell klar, dass es etwas anderes war. Etwas Ernstes.

Meine Stute stand plötzlich hochgradig lahm da. Von einem Tag auf den anderen. Ohne ihre Eisen wollte sie das rechte Vorderbein praktisch gar nicht mehr belasten. Nichts hatte auf diesen Moment hingedeutet.

Oder vielleicht doch?

Rückblickend fügte sich das Puzzle zusammen

Nach einem Unfall hatte meine Stute über längere Zeit deutlich weniger Bewegung. Sie nahm zu und war schliesslich etwas zu dick. Damals machte ich mir darüber nicht allzu grosse Gedanken. Wir konnten sie ja wieder reiten, ganz normal in allen Gangarten im Gelände, auf dem Platz und sie war total normal und super toll zu reiten.

Heute sehe ich die Situation anders.

Hinzu kommt ihre Vorgeschichte als Zuchtstute. Sie hat drei Fohlen bekommen. Nach den Geburten hatte mein Hufschmied immer wieder kleine Veränderungen am Huf angesprochen. Veränderungen, die möglicherweise auf leichte Reheschübe hingedeutet haben könnten.

Doch sie war nie lahm. Nie auffällig. Nie krank. Heute frage ich mich manchmal, ob die eigentliche Geschichte bereits Jahre vorher begonnen hat.

Was ich damals noch nicht wusste: Hufrehe beginnt nicht immer mit einem dramatischen Reheschub. Viele Pferde zeigen über Monate oder sogar Jahre nur kleine Hinweise. Sie laufen gelegentlich etwas fühlig, suchen weichere Böden auf oder entwickeln Veränderungen an der Hufkapsel, die oft zuerst dem Hufschmied auffallen.

Rückblickend frage ich mich heute, ob genau das bei meiner Stute der Fall war. Die Veränderungen, die mein Hufschmied nach ihren Fohlen immer wieder erwähnte, erschienen damals nicht dramatisch. Heute weiss ich, dass auch solche kleinen Hinweise ernst genommen werden sollten.

Die Diagnose

Die Untersuchung brachte die erschütternde Antwort: Hufrehe. Nicht nur ein leichter Schub.

Sondern ein Befund, der zeigte, wie ernst die Situation bereits war.

Es wurden folgende Veränderungen festgestellt:

  • Hufbeinrotation
  • Hufbeinabsenkung
  • Eingeschränkte Durchblutung der Hufwand
  • Eingeschränkte Durchblutung der Sohle
  • Sohlenstärke nur noch 6 mm

Als ich die Zahlen hörte, verstand ich zunächst nicht ihre Bedeutung. Doch als mir erklärt wurde, dass zwischen Hufbein und Boden teilweise nur noch wenige Millimeter Schutz vorhanden waren, wurde mir die Schwere der Erkrankung bewusst.

Das Venogram – ein Blick ins Innere des Hufes

Viele Pferdebesitzer kennen Röntgenbilder. Doch vorher hatte ich noch nie von einem Venogram gehört. Während ein normales Röntgenbild vor allem die Knochen zeigt, macht ein Venogram die Blutversorgung sichtbar. Und genau dort wurde das eigentliche Problem deutlich.

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Auf dem Venogram waren Bereiche sichtbar, in denen die Durchblutung deutlich eingeschränkt war. Besonders betroffen waren Teile der Hufwand und der Sohle. Die roten Markierungen zeigen jene Regionen, die von den Tierärzten besonders beurteilt wurden.

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Im direkten Vergleich wurde deutlich, wie unterschiedlich die Versorgung innerhalb des Hufes dargestellt werden konnte. Für mich war das der Moment, in dem Hufrehe plötzlich greifbar wurde. Bis dahin hatte ich nur das Wort gehört. Jetzt konnte ich sehen, was tatsächlich im Huf geschah.

Jeder Strohhalm zählt – unsere Erfahrung mit Blutegeln

Als die Ergebnisse des Venograms die eingeschränkte Durchblutung im Bereich der Hufwand und der Sohle sichtbar machten, suchten wir nach Möglichkeiten, die Versorgung des Hufes bestmöglich zu unterstützen. Eine dieser Massnahmen war die Blutegeltherapie.

Vor dieser Erkrankung hätte ich niemals gedacht, dass Blutegel einmal Teil der Behandlung meines Pferdes werden würden. Doch wenn man mit einer schweren Hufrehe konfrontiert wird, beginnt man, sich intensiv mit allen sinnvollen Therapieoptionen auseinanderzusetzen.

Die Idee hinter der Blutegeltherapie ist, die lokale Durchblutung zu fördern. Während des Saugvorgangs geben die Blutegel verschiedene Wirkstoffe ab, die unter anderem die Fliesseigenschaften des Blutes beeinflussen und die Mikrozirkulation unterstützen können.

Gerade weil bei meiner Stute die Durchblutung im Huf eingeschränkt war, erschien dieser Ansatz sinnvoll.

Ob und welchen Anteil die Blutegel letztlich haben, lässt sich natürlich nicht sicher sagen. Hufrehe ist eine komplexe Erkrankung und Verbesserungen entstehen meist durch das Zusammenspiel vieler Massnahmen. Für mich war die Blutegeltherapie dennoch ein interessanter Teil. Vielleicht auch deshalb, weil sie symbolisierte, dass wir nichts unversucht lassen wollten.

In einer Situation, in der man sich oft hilflos fühlt, bedeutet jede zusätzliche Möglichkeit Hoffnung. Und manchmal ist Hoffnung ein wichtiger Bestandteil der Therapie.

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Zwischen Angst und Hoffnung

Wer die Begriffe Hufbeinrotation und Hufbeinabsenkung hört, denkt automatisch an die schlimmsten Szenarien. Auch ich habe Angst. Angst um ihre Zukunft. Angst um ihre Lebensqualität. Angst davor, die falschen Entscheidungen zu treffen.

Plötzlich dreht sich alles um Millimeter, Winkel, Durchblutung und die Frage, ob das Hufbein ausreichend stabilisiert werden kann.

Was ich gelernt habe

Hufrehe ist viel mehr als eine Lahmheit. Sie ist eine Erkrankung, die den gesamten Organismus betrifft. Und sie kommt oft nicht aus dem Nichts.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse auf diesem Weg war für mich, dass Hufrehe oft nicht im Huf beginnt. In vielen Fällen liegt die eigentliche Ursache im Stoffwechsel. Übergewicht, Insulinresistenz, EMS oder PPID (Cushing) können das Risiko deutlich erhöhen.

Die Schmerzen werden zwar im Huf sichtbar, doch häufig ist die Erkrankung Teil eines viel grösseren Problems. Deshalb endet die Behandlung nicht mit einem besseren Röntgenbild. Sie betrifft auch Fütterung, Gewichtskontrolle, Bewegung und das gesamte Management des Pferdes.

Rückblickend gab es Hinweise:

  • eine längere Ruhephase
  • Gewichtszunahme
  • möglicherweise frühere, unbemerkte Reheschübe
  • Veränderungen am Huf, die der Hufschmied bereits gesehen hatte

Keiner dieser Faktoren allein muss zwangsläufig zu einer Hufrehe führen. Aber manchmal ergeben mehrere kleine Puzzleteile zusammen ein grosses Bild.

Seit der Diagnose hat sich auch unser Blick auf die Fütterung verändert. Plötzlich beschäftigt man sich mit Dingen, die vorher kaum eine Rolle gespielt haben: Zuckergehalte im Heu, Fruktane im Gras, Insulinwerte und Gewichtskontrolle. Ein Beispiel dafür ist unser Heu. Wir messen es nach Vorgaben des Tierarztes ab und wässern es inzwischen vor der Fütterung. Der Grund dafür ist, dass sich ein Teil der wasserlöslichen Zucker aus dem Heu herauslösen kann. Gerade bei Pferden mit Hufrehe oder einer möglichen Stoffwechselproblematik versucht man so, starke Insulinanstiege möglichst zu vermeiden.

Vor der Diagnose hätte ich nie gedacht, dass solche Details einmal eine Rolle spielen würden. Heute gehören sie zu unserem Alltag. Denn bei Hufrehe geht es nicht nur darum, den akuten Schub zu überstehen, sondern auch darum, das Risiko für weitere Schübe so gut wie möglich zu reduzieren.

Mir wurde bewusst, wie eng Stoffwechsel und Hufgesundheit miteinander verbunden sind. Was früher wie ein paar zusätzliche Kilos wirkte, erscheint heute in einem völlig anderen Licht. Gerade bei rehe gefährdeten Pferden können Fütterung und Gewicht einen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf haben.

Ebenso habe ich gelernt, wie wichtig die Konsequenz ist. Hufrehe verzeiht keine Abkürzungen. Ob Medikamente, Hufschutz, kontrollierte Bewegung oder Fütterung – viele kleine Entscheidungen bestimmen gemeinsam den Heilungsverlauf. Geduld ist dabei oft die schwierigste, aber vielleicht wichtigste Therapie.

Mein Rat an andere Pferdebesitzer

Nehmt Veränderungen ernst. Hört auf euren Hufschmied. Und habt keine Angst vor weiterführender Diagnostik. Die Röntgenbilder zeigten uns die Stellung des Hufbeins. Das Venogram zeigte uns die Durchblutung.

Erst die Kombination aus beidem machte das tatsächliche Ausmass sichtbar.

Heute – ein vorsichtiger Blick nach vorne

Heute steht meine Stute zu Hause und nicht mehr in der Klinik.

Sie trägt derzeit einen Gips, der den Huf stabilisieren und die geschädigten Strukturen entlasten soll. Bei einer Hufrehe mit Hufbeinrotation, Hufbeinabsenkung und einer Sohlenstärke von nur noch 6 mm ist jede zusätzliche Stabilität wertvoll. Der Gips hilft dabei, die Belastung besser zu verteilen und dem Huf die Möglichkeit zu geben, zur Ruhe zu kommen.

Aktuell darf sie in ihrer Auslaufbox leben. Zusätzlich hat sie jeden Tag Zugang zu einer kleinen Weide, auf die sie für einige Stunden mit Maulkorb hinaus darf.

Was mich besonders optimistisch stimmt: Klinisch geht es ihr deutlich besser, als die Bilder vermuten lassen. Wer nur das Venogram betrachtet, könnte ein wesentlich schlechteres Bild der Situation haben. Doch meine Stute zeigt mir jeden Tag etwas anderes. Sie wirkt zufrieden, aufmerksam und deutlich schmerzfreier als zu Beginn der Erkrankung.

Natürlich wissen wir noch nicht, wie die nächsten Tage aussehen werden. Vieles wird sich erst zeigen, wenn der Gips entfernt wird und anschliessend ein spezieller Beschlag angepasst werden kann. Bis dahin heisst es weiter Geduld haben. Diese Erkrankung lehrt einen, in kleinen Schritten zu denken.

Wenn ich diesen Beitrag schreibe, dann nicht, weil ich bereits alle Antworten habe. Im Gegenteil. Wir stehen noch mitten auf diesem Weg. Aber vielleicht erkennt jemand beim Lesen die kleinen Warnzeichen früher als ich. Vielleicht führt das bei einem anderen Pferd zu einer früheren Diagnose. Dann hätte diese Geschichte bereits etwas Gutes bewirkt.

Aber eines habe ich auf diesem Weg gelernt:

Solange ein Pferd klinische Fortschritte macht, keine starken Schmerzen hat und seinen Lebenswillen nicht verloren hat, gibt es eine kleine Chance.